Oktober – Wenn es früher dunkel wird

Wenn die Tage kürzer werden und der Herbst Ruhe einkehren lässt, verändert sich auch der Blick auf das eigene Leben. Ein Bruder unserer Loge teilt Gedanken über Licht und Dunkelheit, Stille, Vergänglichkeit und die Frage, was im Alltag wirklich wesentlich ist.

Der Oktober verändert die Welt beinahe unmerklich.

Morgens liegt Nebel über den Straßen. Die Tage werden kürzer, das Licht zurückhaltender. Blätter, die noch vor wenigen Wochen selbstverständlich grün waren, färben sich und fallen schließlich zu Boden.

Die Natur scheint loszulassen.

Vielleicht liegt gerade darin eine Einladung.

Denn während wir im Alltag meistens damit beschäftigt sind, etwas hinzuzufügen – einen Termin, eine Aufgabe, einen Besitz, eine Meinung –, stellt der Herbst eine ganz andere Frage:

„Was kann ich weglassen?“

Eine vorschnelle Antwort vielleicht. Ein altes Vorurteil. Den Wunsch, in jedem Gespräch recht behalten zu müssen. Oder jene kleine Bequemlichkeit, mit der wir unsere eigenen Fehler sehr viel verständnisvoller betrachten als die der anderen.

Es sind keine großen Dinge.

Aber vielleicht beginnt Veränderung ohnehin selten mit großen Dingen.

Ein Mensch kann die Welt verbessern wollen und dabei übersehen, wie er mit dem Menschen spricht, der ihm jeden Morgen gegenübersitzt. Er kann Gerechtigkeit fordern und gleichzeitig ungerecht urteilen. Er kann von Menschlichkeit sprechen und einem Fremden dennoch mit Misstrauen begegnen.

Deshalb lohnt sich von Zeit zu Zeit eine einfachere Frage:

„Welchen Maßstab lege ich eigentlich an mich selbst an?„

Nicht an die Politik. Nicht an die Gesellschaft. Nicht an den Nachbarn.

An mich.

Das ist unbequemer, als es zunächst klingt.

Denn an anderen entdecken wir Unebenheiten erstaunlich schnell. Bei uns selbst braucht es dafür manchmal etwas mehr Licht.

Vielleicht übt der Oktober deshalb eine besondere Faszination aus. Draußen wird es dunkler, und gerade dadurch nehmen wir Licht bewusster wahr. Eine Lampe im Fenster fällt plötzlich auf. Ein beleuchteter Raum wirkt einladend. Selbst eine kleine Kerze kann die Atmosphäre eines ganzen Zimmers verändern.

Mit Menschen ist es ähnlich.

Wir können nicht jede Dunkelheit vertreiben. Aber wir können darauf achten, ob durch unser eigenes Handeln etwas heller oder etwas dunkler wird.

„Habe ich zugehört, obwohl ich anderer Meinung war?„

„Habe ich jemanden vorschnell beurteilt?„

„War mein Wort verlässlich?„

„Und habe ich heute wenigstens an einer kleinen Stelle versucht, ein besserer Mensch zu sein als gestern?„

Solche Fragen haben nichts Spektakuläres an sich. Sie versprechen keine schnellen Antworten und schon gar keine Vollkommenheit.

Vielleicht sind sie gerade deshalb wertvoll.

Die Freimaurerei beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit dem Menschen und mit seiner Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen. Wer dabei nach geheimnisvollen Antworten sucht, könnte enttäuscht werden. Denn die vielleicht spannendere Frage liegt offen vor uns:

„Was machen wir aus dem Menschen, der wir bereits sind?“

Darauf gibt es keine fertige Antwort.

Aber der Oktober wäre ein guter Monat, darüber nachzudenken.