Die St. Johannisloge „Friedrich Wilhelm zur Morgenröte“ steht in einer gewachsenen Tradition, die eng mit der preußischen Freimaurerei und dem Hause Hohenzollern verbunden ist. Ihre Entstehung, ihr Name und ihr Selbstverständnis sind Ausdruck einer Zeit, in der Freimaurerei als ethische Kraft, geistige Haltung und gesellschaftliche Verantwortung verstanden wurde. Frei von Adelsprivilegien und fest verankert im Grundgesetz setzen wir diese Tradition fort.
Die Gründung der Loge „Friedrich Wilhelm zur Morgenröte“ erfolgte im Jahr 1855. Anlass war die Einführung des Kronprinzen in die Freimaurerei, die von vielen Brüdern als ein bedeutendes Zeichen für die Zukunft des Ordens verstanden wurde. Aus Dankbarkeit und in Anerkennung dieser Verbindung gründeten Mitglieder bereits bestehender Logen eine neue St. Johannisloge, die bewusst den Namen des Kronprinzen trug.
Der Zusatz „zur Morgenröte“ ist dabei von besonderer symbolischer Bedeutung. Er verweist auf Hoffnung, Erneuerung und den Beginn eines neuen Abschnitts. Bei der ersten Arbeit der Loge am 5. November 1855 brachte Prinz Wilhelm von Preußen – der spätere Kaiser Wilhelm I. – seine Freude darüber zum Ausdruck, dass der Name seines Sohnes mit diesem Sinnbild verbunden wurde. In seinen Worten wurde deutlich, dass die Aufnahme des Kronprinzen als ein verheißungsvoller Neubeginn für den Orden verstanden wurde.
Für die Brüder der Loge markiert diese Morgenröte bis heute den Ursprung ihrer gemeinsamen Arbeit: den Beginn eines Weges, der Verpflichtung, Entwicklung und Verantwortung miteinander verbindet.
Friedrich Wilhelm, als König und Kaiser Friedrich der III., war selbst Mitglied unserer Johannisloge Friedrich Wilhelm zur Morgenröte. Damit drückte er seine Dankbarkeit und Verbundenheit gegenüber der Loge aus, die zu seinen Ehren gegründet wurde. Er selbst wurde Ordensmeister der Großen Landesloge und Protektor aller Großlogen in Preußen und dem Kaiserreich.
„Sei und werde Du dem Orden ein starker Schutz, dann wird nicht allein seine Zukunft eine gesicherte sein, sondern Du wirst überhaupt das Herrliche Bewusstsein in dir tragen, darin gestrebt zu haben, das Wahre und Gute um dich verbreiten zu wollen.“
König Wilhelm II., anlässlich der Aufnahme von Friedrich Wilhelm in unsere Loge.
Die Freimaurerei in Preußen war stets geprägt von Maß, Ordnung und Pflichtbewusstsein. Anders als in manch anderen Ländern verstand sie sich nicht schwerpunktmäßig als Ort gesellschaftlicher Opposition, sondern als ethische Ergänzung menschlicher und christlicher Verantwortung. Die Nähe des Hauses Hohenzollern zur Freimaurerei verlieh diesem Verständnis zusätzliches Gewicht.
Die Loge „Friedrich Wilhelm zur Morgenröte“ steht in dieser Tradition. Sie verbindet freimaurerische Werte wie Brüderlichkeit, Selbsterkenntnis und Humanität mit einem preußisch-christlich geprägten Ethos von Disziplin, Verlässlichkeit und Dienst am Gemeinwesen. Diese Haltung ist nicht rückwärtsgewandt, sondern versteht Geschichte als Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft. Wir haben heute das Glück, Ständegesellschaft und Adelsprivileg überwunden zu haben. Statt dessen haben wir Freiheit, Demokratie und Grundgesetz errungen. In dieser freiheitlichen, christlichen und demokratischen Überzeugung setzen wir die Tradition unserer Loge fort.
Das Leben in der Loge ist geprägt vom bewussten Wechsel zwischen Sammlung und Gemeinschaft. Wenn die Loge arbeitet, tritt die „äußere Welt“ zurück. Rituale und Symbole schaffen einen Raum der Konzentration, in dem persönliche Rollen und gesellschaftliche Unterschiede keine Bedeutung haben.
Nach der rituellen Arbeit findet traditionell das brüderliche Beisammensein statt. Dieser Teil des Logenabends ist kein bloßer Ausklang, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Logenlebens. Hier werden Eindrücke vertieft, Gedanken ausgetauscht und Bindungen gestärkt. Die Gemeinschaft der Brüder wächst aus gemeinsamem Erleben, gegenseitigem Respekt und dem Willen zur inneren Arbeit.
Brüder unterschiedlichster Lebenswege finden in der Loge zueinander. Ohne die Freimaurerei wären viele von ihnen einander nie begegnet. Gerade diese Vielfalt, getragen von gemeinsamen Idealen, macht den besonderen Charakter der Loge aus.