Die Frage nach den Zielen der Freimaurerei lässt sich nicht mit einer einfachen Formel beantworten. Einerseits sind ihre Grundanliegen klar benennbar, andererseits erschließen sie sich erst im Prozess der persönlichen Auseinandersetzung. Die Freimaurerei verfolgt keine politischen oder wirtschaftlichen Zwecke, sondern versteht sich als ethisch orientierter Bund, der die innere Entwicklung des Menschen in den Mittelpunkt stellt.
In der freimaurerischen Bildsprache arbeiten die Brüder – wie einst die Bauhandwerker in den mittelalterlichen Bauhütten – am sogenannten rauen Stein. Dieser steht symbolisch für die eigene, noch unvollkommene Persönlichkeit. Die heutige Arbeit findet nicht mehr an einem äußeren Bauwerk statt, sondern in der Loge, die an die Stelle der historischen Bauhütte getreten ist.
Durch Selbstreflexion, Austausch und symbolische Arbeit wird der raue Stein schrittweise bearbeitet, um ihm Form, Maß und Ordnung zu geben. Die einzelnen behauenen Steine fügen sich gedanklich zu einem Tempel zusammen, der für das Ideal einer gerechteren, menschlicheren und verantwortungsvolleren Gesellschaft steht. Dieses Bild verdeutlicht, dass gesellschaftlicher Fortschritt aus der persönlichen Entwicklung des Einzelnen erwächst.
Häufig wird angenommen, das Ziel der Freimaurerei bestehe in der Förderung von Toleranz und Humanität. Diese Werte spielen tatsächlich eine zentrale Rolle, sind jedoch nicht als äußerer Zweck zu verstehen. Vielmehr gelten sie als natürliche Folge eines ernsthaft beschrittenen freimaurerischen Weges.
Im Mittelpunkt steht die innere Wandlung des Menschen: die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem eigenen Denken, Handeln und Gewissen. Ziel ist es, zu größerer Klarheit, Maßhaltung und Verantwortung zu gelangen. In diesem Sinn formulierte Ludwig von Pölnitz, dass es nicht um bloße Gesinnung, sondern um ein persönliches Erleben und Verstehen gehe – eine Entwicklung, die sich nicht erzwingen lässt, sondern aus Einsicht erwächst.
Ein zentrales Ziel der Freimaurerei ist die Wahrung der geistigen Freiheit. Der Freimaurerbund tritt für Gedankenfreiheit, Glaubensfreiheit und Gewissensfreiheit ein und lehnt jeden Zwang ab, der diese Freiheiten einschränkt. Unterschiedliche religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen werden respektiert, sofern sie aufrichtig vertreten werden und die Würde des Menschen achten und die Menschenrechte anerkennen. Autoritarismus, Extremismus oder Radikalität haben in der Freimaurerei keinen Platz.
Die Freimaurerei ist nicht dogmatisch. Sie schreibt keine verbindlichen Glaubenssätze vor und erhebt keinen Anspruch auf absolute Wahrheiten. Stattdessen fördert sie eigenständiges Denken, verantwortliche Entscheidungsfindung und die Bereitschaft, andere Sichtweisen ernsthaft zu prüfen.
In der freimaurerischen Arbeit wird der Mensch nicht auf seine intellektuellen Fähigkeiten reduziert. Zwar spielt das Denken eine wichtige Rolle, doch ebenso angesprochen werden Herz, Empfinden und moralisches Bewusstsein. Die Freimaurerei versteht den Menschen als ganzheitliches Wesen, dessen innere Balance für verantwortungsvolles Handeln entscheidend ist.
Die rituellen Arbeiten in der Loge schaffen einen Rahmen, in dem diese innere Dimension bewusst wahrgenommen und vertieft werden kann. Dabei geht es nicht um Belehrung, sondern um Erfahrung, Selbstprüfung und den stillen Anstoß zur Weiterentwicklung.
Im freimaurerischen Brauchtum nehmen Selbsterkenntnis und Selbstveredelung eine zentrale Stellung ein. Die Rituale und Symbole sollen bleibende Eindrücke hinterlassen, die den oft anspruchsvollen Prozess persönlicher Veränderung anstoßen und begleiten. Dieser Weg ist bewusst offen gestaltet und endet nicht mit einem festgelegten Ziel, sondern setzt lebenslange Arbeit an sich selbst voraus.
Die Freimaurerei verfolgt damit kein äußeres Programm, sondern unterstützt ihre Mitglieder dabei, zu ausgeglichenen, verantwortungsbewussten und menschenzugewandten Persönlichkeiten zu reifen. In diesem Sinn soll nicht nur der einzelne Bruder wachsen, sondern auch die Gesellschaft insgesamt ein wenig menschlicher werden.